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Umwelt

Dossier: Tschernobyl – der Super-GAU

Publiziert 08. März 2011, 15:37 Uhr, Aktualisiert 27. April 2011, 10:48 Uhr

Tausende Tote, Hunderttausende Hektar verstrahltes Land und ein ökonomischer Schaden in Milliarden-Höhe: Die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 sind verheerend. Es ist der schwerste Unfall der Technikgeschichte. 25 Jahre nach dem Super-GAU warnen Fachleute vor einem neuen Unglück: Die Schutzhülle um den Reaktor droht einzustürzen. weiterlesen

Ein Experiment gerät ausser Kontrolle
Es war der Super-GAU: Vor 25 Jahren, um 1:23 Uhr am 26. April 1986, explodierte der Reaktorblock 4 des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Rund 100 Mal mehr Radioaktivität als bei den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki wurde freigesetzt. Auslöser der Katastrophe war ein Experiment am Notstromgenerator: Der Testlauf schlug fehl und setzte eine nukleare Kettenreaktion in Gang. Eine Wasserstoff-Explosion riss die 1‘000 Tonnen schwere Betonplatte des Reaktors weg und schleuderte radioaktive Partikel in die Luft. Die sowjetischen Behörden erliessen zunächst eine Nachrichtensperre. Erst zwei Tage nach dem Super-GAU meldete die amtliche Nachrichtenagentur TASS einen «Unfall».

Was ist der Super-GAU?

Unter dem Begriff «GAU», grösster anzunehmender Unfall, versteht man den schwersten Störfall in einem Kernkraftwerkt, für den die Sicherheitssysteme ausgelegt sind. Ein «Super-GAU» dagegen liegt dann vor, wenn der Störfall nicht mehr beherrschbar ist. Wenn es, wie in Tschernobyl, zu einer Kernschmelze kommt.

Zehntausende Strahlenopfer
Die Folgen der Katastrophe: Insgesamt 200‘000 Quadratkilometer Land wurden verstrahlt. Am stärksten waren die Ukraine, Weissrussland und Russland betroffen. Mehrere Hunderttausend Menschen verloren ihr Zuhause. Umstritten ist noch immer die Zahl der Todesopfer. Die Vereinten Nationen nannten 2005 die Zahl von 4‘000 Toten. Organisationen wie die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges gehen von mehreren Zehntausend einsatzbedingten Todesfällen aus und prognostizieren mindestens 50’000 weitere Fälle von strahlenbedingtem Schilddrüsenkrebs. Der ökonomische Schaden wird sich bis 2016 auf mindestens 235 Milliarden US-Dollar belaufen.

Eine Katastrophe ohne Ende
Insgesamt leben heute rund zwei Millionen Menschen auf kontaminiertem Boden. Sogar in der Sperrzone selbst, die im Umkreis von 30 Kilometern den Unfallort umschliesst, wohnen noch etwa 800 Menschen. Das Reaktorgelände ist seit dem Super-GAU eine Grossbaustelle. Nach der Explosion errichteten Arbeiter eine provisorische Schutzhülle. Sie schütteten Sand und Blei auf den brennenden Reaktor. Witterung und Dauerbestrahlung haben die Betonwände aber brüchig gemacht. Fachleute warnen vor dem Einsturz des Sarkophags. Bis 2013 soll nun eine gigantische Schutzhülle über den Reaktor geschoben werden.

Tschernobyl: Chronologie der Ereignisse

1986, 26. April, 1.23 Uhr: Während eines Betriebstests steigt die Leistung des Reaktors im Block 4 innerhalb von Sekunden an, eine manuelle Notabschaltung misslingt. Eine Wasserstoff-Explosion reisst den Betonmantel des Reaktors weg und schleudert radioaktive Partikel in die Luft.

28. April: Hohe Radioaktivität löst bei Messstationen in Schweden und Dänemark Alarm aus. Erst jetzt meldet die sowjetische Nachrichtenagentur TASS einen Unfall am Kernkraftwerk Tschernobyl.

30. April: Moskau dementiert weiterhin Berichte über Tausende von Toten. Im Laufe des Tages wird auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhöhte Radioaktivität in der Luft gemessen.

15. November: Der Betonschutzmantel um den Reaktor wird fertiggestellt. Umweltschutzorganisationen zufolge ist er heute einsturzgefährdet.

2000, 15. Dezember: Der letzte Reaktor im Block 3 wird abgeschaltet – insbesondere auf Druck der Europäischen Union. Damit ist das Kernkraftwerk komplett ausser Betrieb.

Tschernobyl: Auswirkungen auf die Schweiz

Der schwere Reaktorunfall vom 26. April 1986 in Tschernobyl hatte weit über die nähere Umgebung des Kernkraftwerks hinaus Konsequenzen. Wolken hatten radioaktive Partikel bis in die Schweiz getragen. Vier Tage nach dem Reaktorunfall, am 30. April, wurde auch hierzulande erhöhte Radioaktivität gemessen. Wegen der Strahlenbelastung rieten Experten, keine Schafmilch zu trinken und kein Gemüse zu essen. Schafmilch zeigte bis zu zehn Mal höhere radioaktive Werte auf als normale Milch – die Tiere assen Gras, das durch den radioaktiven Regen verstrahlt wurde.

Langfristig verursachte die erhöhte Strahlenbelastung in der Schweiz zusätzliche Krebsfälle. Einem Bericht von 2006 des Bundesamtes für Energie zufolge, muss wegen Tschernobyl mit etwa 200 zusätzlichen Krebstodesfällen gerechnet werden. Heute ist die radiologische Situation in der Schweiz vergleichbar mit jener vor dem Super-GAU. Erhöhte Strahlenwerte sind laut dem Bericht noch in Teilen des Tessins festzustellen – und dort vor allem bei gewissen Pilzarten und Wildtieren. Massnahmen im Lebensmittelbereich sind aber auch dort nicht mehr erforderlich. Der Kanton Tessin war nach dem Reaktorunfall wegen heftiger Niederschläge stärker betroffen als die übrige Schweiz.

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